FOLGE 03 · 08.10.2026

Wenn Deine KI Dich wirklich kennt, darf sie Dir widersprechen

Viele Menschen wünschen sich von KI etwas, das zunächst ziemlich logisch klingt:

„Sie soll so schreiben wie ich.“

Sie soll meine Sprache kennen.
Meine Art zu denken.
Meine Haltung.
Meine Ziele.

Und ja, genau das ist ein wichtiger Teil guter KI-Arbeit.

Aber ich glaube, dass wir an einer entscheidenden Stelle zu früh aufhören, wenn das unser Endziel ist.

Denn eine KI, die mich nur möglichst perfekt nachahmt, ist irgendwann vor allem eines:
ein ziemlich gut trainiertes Echo.
Und dafür brauche ich sie nicht.

Bevor KI nach Dir arbeiten kann, muss sie Dich kennenlernen

Wenn ich möchte, dass eine KI sinnvoll für mich arbeitet, kann ich nicht erwarten, dass sie mich nach fünf Sätzen versteht.
Woher auch?

Sie muss Informationen bekommen.
Nicht nur darüber, welches Bild ich gerne nach außen zeigen möchte.
Sondern darüber, wer ich tatsächlich bin.

Wie denke ich?
Wie formuliere ich?
Welche Erfahrungen habe ich?
Welche Ausbildungen und welches Wissen bringe ich mit?
Was ist mir wichtig?
Welche Dinge lehne ich ab?
Wie arbeite ich?
Wo will ich hin?

Und vor allem:
Wobei soll mich diese KI eigentlich unterstützen?

Je klarer das ist, desto sinnvoller kann sie mitarbeiten.

Denn eine KI kann nur mit dem Kontext arbeiten, den sie bekommt.

Wenn ich ihr kaum etwas über mich gebe und anschließend enttäuscht bin, dass das Ergebnis nicht nach mir klingt, liegt das Problem möglicherweise nicht ausschließlich bei der KI.

Ich würde es testen

Gerade zu Beginn würde ich einer KI nicht einfach vertrauen, nur weil ihre Antworten gut klingen.

Ich würde einen Vergleich machen.

Die KI bekommt eine Aufgabe.
Und dieselbe Aufgabe löse ich selbst.

Danach lege ich beide Ergebnisse nebeneinander.

Wie groß ist die Entfernung?
Denkt die KI in eine ähnliche Richtung?
Gewichtet sie die Dinge ähnlich?
Trifft sie meinen Stil?
Hat sie verstanden, worauf es mir bei dieser Aufgabe überhaupt ankommt?

Wenn ihre Arbeit nach ausreichender Einarbeitung vielleicht zu 80 oder 90 Prozent dort landet, wo auch ich landen würde, dann ist etwas Spannendes passiert:
Sie hat begonnen, meine Arbeitsweise zu verstehen.

Aber genau an diesem Punkt möchte ich nicht, dass sie einfach stehenbleibt.

Ich brauche kein zweites Ich

Wenn eine KI mich wirklich gut unterstützt, soll sie nicht einfach nur so denken wie ich.

Denn dann produzieren wir gemeinsam möglicherweise nur sehr elegante Versionen meiner eigenen Denkfehler.

Das wäre zwar beeindruckend personalisiert.
Aber nicht besonders hilfreich.

Eine KI hat Informationen möglicherweise anders gewichtet als ich.
Sie kennt vielleicht einen Zusammenhang, den ich gerade nicht berücksichtigt habe.
Sie kann dieselben Daten aus einem anderen Blickwinkel betrachten.
Oder sie kommt schlicht auf eine Idee, auf die ich selbst gerade nicht gekommen wäre.

Genau deshalb erwarte ich von einer gut eingearbeiteten KI nicht nur Zustimmung.
Ich erwarte Widerspruch.

Nicht ständig.
Nicht künstlich.
Und ganz sicher nicht als Selbstzweck.

Aber dort, wo er sinnvoll ist.

Bitte keine kosmischen blinden Flecken

An dieser Stelle wird es manchmal ein bisschen esoterischer, als mir lieb ist.

Dann heißt es schnell:
„Vielleicht hast Du da einen blinden Fleck.“

Kann sein.
Sehr wahrscheinlich sogar.
Ich bin ziemlich sicher, dass ich mehr als einen davon habe.

Aber alles mit einem vermeintlichen blinden Fleck zu erklären, hilft mir nicht weiter.

Ich möchte es etwas nüchterner.

Wenn meine KI eine Aussage von mir für falsch hält, darf sie sagen:
„Ich halte das für falsch.“

Und dann hätte ich gerne den zweiten Satz:
„Weil …“

Mehr brauche ich oft gar nicht.

Vielleicht gibt es andere Informationen.
Vielleicht stimmen meine Zahlen nicht.
Vielleicht habe ich einen Zusammenhang falsch bewertet.
Vielleicht gibt es Erfahrungen oder Daten, die gegen meine Schlussfolgerung sprechen.

Dann schauen wir gemeinsam darauf.

So entsteht für mich ein sinnvolles Gespräch.

Widerspruch braucht einen Grund

Ich möchte keine KI, die grundsätzlich dagegenhält, nur damit sie besonders kritisch wirkt.

Das wäre ungefähr so hilfreich wie ein Gesprächspartner, dessen einzige Gesprächsstrategie lautet:
„Ja, aber.“

Danke. Kann weg. 😏

Kritik wird für mich dort wertvoll, wo sie nachvollziehbar ist.

Wenn eine KI sagt:
„Ich würde das anders sehen.“
möchte ich wissen:

Warum?
Was weiß sie?
Welche Information gewichtet sie anders?
Welche Annahme von mir stellt sie infrage?
Welche Alternative sieht sie?

Und dann kann ich entscheiden, ob ihre Kritik trägt.

Genau hier bleibt übrigens die menschliche Verantwortung bestehen.

Die KI darf widersprechen.
Sie darf argumentieren.
Sie darf mir Informationen geben.
Sie darf meine Gedanken auseinandernehmen.
Aber die Bewertung bleibt bei mir.

Eine gute KI stellt Dich nicht bloß

Für mich gibt es dabei noch einen wichtigen Unterschied.

Kritisches Hinterfragen bedeutet nicht, jemanden vorzuführen.

Die Aufgabe einer gut eingearbeiteten KI ist für mich nicht, möglichst eindrucksvoll zu zeigen, dass ich falsch liege.

Sie soll mich unterstützen.

Und Unterstützung kann eben auch bedeuten:
„Lothar, das passt so nicht.“

Das ist kein Angriff.
Im Gegenteil.

Wenn die Begründung stimmt, ist das ziemlich wertvoll.

Denn dann kann ich etwas korrigieren, bevor daraus möglicherweise ein größeres Problem wird.

Und wenn ich öffentlich falsch lag?

Dann lag ich eben falsch.

Auch das gehört für mich dazu.

Wenn ich heute einen Post veröffentliche oder ein Video mache und sich morgen herausstellt, dass die Aussage darin nicht stimmt, habe ich zwei Möglichkeiten.

Ich kann hoffen, dass es niemand merkt.

Oder ich kann sagen:
„Leute, das, was ich Euch gestern erzählt habe, war falsch. Schauen wir uns an, was tatsächlich stimmt.“

Ich bevorzuge Variante zwei.

Nicht, weil Fehler besonders schön wären.
Sondern weil ich lieber korrigierbar bleibe, als so zu tun, als hätte ich immer recht.

Und vielleicht ist genau das eine der interessantesten Möglichkeiten in der Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI:

Nicht, dass die KI uns unfehlbar macht.
Sondern dass sie uns helfen kann, schneller zu merken, wenn wir falsch liegen.

Verstehen bedeutet nicht kopieren

Deshalb würde ich heute nicht mehr sagen:
Eine KI hat mich verstanden, wenn sie genauso antwortet wie ich.

Das wäre mir zu wenig.

Für mich hat sie mich dann gut verstanden, wenn sie zwei Dinge unterscheiden kann:

Wann soll sie in meinem Sinne arbeiten?
Und:
Wann sollte sie mich darauf hinweisen, dass mein eigener Gedanke möglicherweise nicht trägt?

Das ist für mich der Punkt, an dem aus einem Werkzeug langsam ein wirklich interessanter Arbeitspartner wird.

Nicht menschlich.
Nicht unfehlbar.
Nicht verantwortlich.
Aber möglicherweise verdammt nützlich.

Denn ich brauche kein System, das mir ständig sagt:
„Genau, Lothar.“

Ich brauche eines, das mich kennt und trotzdem sagen kann:
„Schau da noch einmal hin.“

Und wenn es recht hat, möchte ich das wissen.

Die Frage, die bleibt

Wenn Du bereits mit KI arbeitest, stell Dir einmal eine ziemlich einfache Frage:

Möchtest Du eine KI, die Dich möglichst perfekt bestätigt oder eine, die Dich gut genug kennt, um Dir an der richtigen Stelle zu widersprechen?

Für mich ist die zweite Variante deutlich spannender.

Denn genau dort beginnt Zusammenarbeit.

Und genau darum geht es bei HUMAN 3 TALK:

Nicht darum, möglichst viel Denken an KI abzugeben.
Sondern eine Zusammenarbeit aufzubauen, in der KI Arbeit übernehmen, Perspektiven erweitern und Dich auch kritisch herausfordern darf, während Du die Entscheidung und Verantwortung behältst.

Wenn Du herausfinden möchtest, wie so eine Zusammenarbeit für Dich und Dein Business aussehen könnte, schreib mir einfach TALK.

Dann schauen wir nicht zuerst auf irgendein Tool.
Sondern auf Dich, Deine Arbeit und die Frage:
Was soll Deine KI eigentlich über Dich wissen, damit sie Dir wirklich helfen kann?

Weiter mit Folge 04: Wer schreibt eigentlich die Nachricht nach dem Termin?